Berlin–New York in 28 Min: Reisen per Rakete
Von Berlin nach New York in 28 Minuten: Die Rakete als Reisebus der Zukunft
Stellen Sie sich vor, Sie steigen an einem Dienstagmorgen in Berlin in ein Fluggerät. Bevor Ihr Kaffee kalt geworden ist, öffnen sich die Türen wieder – und Sie stehen in New York. Kein Zwischenstopp, kein Jetlag-Marathon über neun Zeitzonen, keine neun Stunden im engen Economy-Sitz. Nur etwa 28 Minuten.
Was wie die Eröffnungsszene eines Science-Fiction-Films klingt, ist der ernst gemeinte Zukunftsentwurf eines der ehrgeizigsten Raumfahrtunternehmen der Welt. Heute dauert der Flug von Berlin nach New York mit einem herkömmlichen Jet rund 9 Stunden. SpaceX schlägt vor, dieselbe Strecke nicht mehr durch die Atmosphäre, sondern über den Rand des Weltraums zurückzulegen – mit einer Rakete.[2]
Dieser Artikel erklärt, wie das funktionieren soll, welche Reisezeiten SpaceX konkret in Aussicht stellt, wo die ernsthaften technischen und menschlichen Hürden liegen – und wann (wenn überhaupt) Sie ein Ticket für diese 28-minütige Atlantiküberquerung kaufen könnten.
Wie soll das überhaupt möglich sein?
Der Kern der Idee trägt einen unscheinbaren Namen: “Earth-to-Earth” – zu Deutsch “von der Erde zur Erde”. Es ist dieselbe Rakete, mit der SpaceX Menschen zum Mond und schließlich zum Mars bringen will: das vollständig wiederverwendbare Starship-System. Nur wird das Ziel hier nicht der Weltraum, sondern schlicht ein anderer Punkt auf demselben Planeten.[2]
Der Ablauf einer suborbitalen Reise
Das Prinzip ist ein sogenannter suborbitaler Flug – die Rakete erreicht nicht die volle Erdumlaufbahn, sondern beschreibt einen hohen Bogen über die Atmosphäre und kommt am Zielort wieder herunter. Der Ablauf lässt sich in vier Phasen denken:
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Start. Die gewaltige erste Stufe, der Super-Heavy-Booster, hebt das Starship samt Passagieren von einer Startplattform ab – idealerweise eine schwimmende Plattform vor der Küste, in sicherer Entfernung zur Stadt.[4]
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Aufstieg an den Rand des Weltraums. Der Booster beschleunigt das Raumschiff auf Hyperschallgeschwindigkeit und trennt sich dann ab. Das Starship steigt bis an die Grenze zum Weltraum, wo praktisch kein Luftwiderstand mehr bremst.
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Der Sprung über den Ozean. In dieser Phase gleitet das Raumschiff mit vielfacher Schallgeschwindigkeit über den Atlantik. Die Passagiere erleben für einige Minuten Schwerelosigkeit (Mikrogravitation) – jenes schwebende Gefühl, das man sonst nur von Astronauten kennt.[1]
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Der Wiedereintritt und die Landung. Das Starship taucht wieder in die dichtere Atmosphäre ein, bremst ab und setzt aufrecht auf einer Landeplattform am Zielort auf – bei New York wieder eine Plattform vor der Küste, von der aus Fähren oder ein kurzer Transfer in die Stadt führen.
Die entscheidende Zutat ist Geschwindigkeit: Ein Verkehrsflugzeug bewegt sich mit etwa 900 km/h. Eine suborbitale Rakete erreicht ein Vielfaches davon. Weil der größte Teil der Strecke oberhalb der bremsenden Atmosphäre zurückgelegt wird, schrumpfen selbst interkontinentale Distanzen auf die Dauer einer Mittagspause.[3]
Die Zahlen: Was SpaceX konkret verspricht
SpaceX hat für sein Earth-to-Earth-Konzept eine Reihe konkreter Reisezeiten für die weltweit wichtigsten Städteverbindungen genannt. Die Kernaussage lautet: Die meisten Reisen dauern unter 30 Minuten, praktisch jede Verbindung weniger als eine Stunde.[2]
Die folgende Tabelle zeigt oben die für deutschsprachige Reisende zentrale Verbindung, darunter die von SpaceX veröffentlichten Referenzstrecken:
| Verbindung | Reisezeit mit Starship |
|---|---|
| Berlin – New York | ~ 28 Minuten |
| New York – Shanghai | 39 Minuten |
| London – New York | 29 Minuten |
| Los Angeles – Tokio | 37 Minuten |
| Sydney – London | 51 Minuten |
| New York – Paris | 30 Minuten |
Man muss diese Zahlen einen Moment sacken lassen. Sydney – London, heute mit über 20 Stunden und mindestens einem Zwischenstopp einer der zähesten Langstreckenflüge der Welt, würde auf 51 Minuten zusammenschrumpfen. New York – Paris in einer halben Stunde. Und die Reise über den Nordatlantik von Berlin nach New York in rund 28 Minuten – kürzer als so mancher Berliner mit der S-Bahn zum Flughafen braucht.
Der Vergleich: 9 Stunden gegen 28 Minuten
Um die Dimension zu begreifen, hilft der direkte Vergleich mit der Gegenwart.
- Berlin – New York, heute: etwa 9 Stunden reine Flugzeit, dazu Check-in, Sicherheitskontrolle, Boarding und der berüchtigte Jetlag über sechs Zeitzonen.
- Berlin – New York, per Rakete: ~ 28 Minuten in der Luft.
Noch drastischer wird das Bild auf der Pazifikroute. Der Flug New York – Shanghai dauert heute mit dem Jet 15 bis 20 Stunden. Das Starship-Konzept nennt dafür 39 Minuten.[1] Aus einer Reise, die einen ganzen Arbeitstag plus Nacht verschlingt, würde ein Kurztrip.
Für die Geschäftswelt wäre das eine Zeitenwende. Ein Vormittagstermin in Manhattan und ein Abendessen zu Hause in Berlin am selben Tag – ohne Übernachtung, ohne verlorene Produktivtage. Genau deshalb wird das Konzept als möglicher Sargnagel für die klassische “Übernacht-Geschäftsreise” gehandelt.[3]
Die näheren Verwandten: Hyperschallflugzeuge
So verlockend die Rakete klingt – sie ist die radikalste Variante einer breiteren Bewegung. Parallel arbeiten mehrere Unternehmen an einem Zwischenschritt, der zwar nicht ganz so schnell, dafür technisch und regulatorisch näher an der Realität ist: dem Hyperschallflugzeug.
Diese Fluggeräte starten und landen wie normale Flugzeuge, erreichen aber ein Vielfaches der Schallgeschwindigkeit – ohne den kompletten Sprung an den Rand des Weltraums.
- Venus Aerospace arbeitet an Antrieben und Flugzeugen, die eine neue Ära des zivilen Hyperschallflugs einläuten sollen. Das Ziel: Passagiere mit ein- bis mehrfacher Schallgeschwindigkeit über die Kontinente zu tragen.
- Hermeus entwickelt Hyperschallflugzeuge, die klassische Langstreckenflüge dramatisch verkürzen könnten – der geistige Nachfolger der legendären Concorde, nur deutlich schneller.
Der entscheidende Unterschied: Ein Hyperschallflugzeug ist keine Rakete. Es fliegt langsamer als das Starship und braucht für Berlin – New York eher ein bis zwei Stunden statt 28 Minuten. Dafür ist es dem heutigen Luftverkehr näher, benötigt keine schwimmenden Startplattformen und dürfte die zivile Zulassung früher erreichen. Man kann die beiden Ansätze als kurz- und langfristige Vision derselben Idee verstehen: die Welt kleiner zu machen.
Die Realität: Hürden auf dem Weg zur 28-Minuten-Reise
Es wäre unseriös, die Vision ohne ihre erheblichen Probleme zu präsentieren. Das Earth-to-Earth-Konzept ist heute genau das – ein Konzept, eine Zukunftsvision, kein buchbares Produkt.[4] Fünf große Hürden stehen zwischen der Idee und dem ersten zahlenden Passagier.
1. Die Kosten
Ein Raketenstart ist um Größenordnungen teurer als ein Linienflug. Selbst mit vollständig wiederverwendbaren Raketen und Massenbetrieb bleibt die Frage, ob ein Ticket jemals in die Nähe eines Business-Class-Preises kommt – oder ob die Raketenreise ein exklusives Angebot für Wohlhabende bleibt.
2. G-Kräfte und Komfort
Ein Verkehrsflugzeug ist bequem; eine Rakete ist es nicht. Start und Wiedereintritt gehen mit erheblichen Beschleunigungskräften (G-Kräften) einher, die den Körper stark belasten. Dazwischen liegt die Phase der Schwerelosigkeit, die bei vielen Menschen Übelkeit auslöst. Wer sich eine sanfte Reise vorstellt, wird enttäuscht: Passagiere müssten körperlich in der Lage sein, eine Belastung nahe an einem echten Raumflug zu ertragen.
3. Der Lärm
Raketenstarts sind extrem laut und erzeugen Überschallknalle. Genau deshalb sind die Startplätze als schwimmende Plattformen weit vor der Küste gedacht – dicht besiedelte Innenstädte kämen als Startort niemals infrage. Das bedeutet zusätzlichen Transferaufwand zu und von der Plattform, der die 28 Minuten in der Praxis relativiert.
4. Sicherheit und Zulassung
Der Sprung von der Frachtrakete zum Personentransport ist gewaltig. Bevor Menschen routinemäßig suborbital reisen, muss eine Sicherheitsbilanz vorliegen, die dem Vertrauen der zivilen Luftfahrt nahekommt. Hinzu kommt die Regulierung: Es existiert bislang kein internationaler Rechtsrahmen für kommerzielle Punkt-zu-Punkt-Raketenflüge zwischen Staaten. Wer haftet, wer genehmigt Überflüge, wie werden Grenzen und Sicherheitszonen geregelt? Diese Fragen sind heute weitgehend ungeklärt.
5. Wann ist es so weit?
Ehrliche Antwort: niemand weiß es genau. Bevor an Earth-to-Earth-Passagierflüge zu denken ist, muss Starship zunächst als Trägersystem für Fracht und für Weltraummissionen zuverlässig funktionieren. Erst danach – frühestens im nächsten Jahrzehnt und wahrscheinlich zunächst nur auf ausgewählten Premium-Routen – könnten erste zahlende Passagiere folgen. Die 28-Minuten-Reise von Berlin nach New York ist heute ein realistisches Fernziel, kein Reisebüro-Angebot für das kommende Jahr.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie lange dauert die Reise von Berlin nach New York mit dem Starship wirklich? Nach dem Earth-to-Earth-Konzept von SpaceX rund 28 Minuten reine Flugzeit – gegenüber etwa 9 Stunden mit einem heutigen Verkehrsflugzeug. Hinzu kämen allerdings Transferzeiten zu den küstennahen Startplattformen, sodass die Tür-zu-Tür-Reise länger ausfällt als die reinen 28 Minuten.
Fliegt man dabei ins Weltall? Nicht ganz. Es handelt sich um einen suborbitalen Flug: Die Rakete steigt an den Rand des Weltraums, erreicht aber keine dauerhafte Erdumlaufbahn. Für einige Minuten erleben die Passagiere jedoch echte Schwerelosigkeit, ähnlich wie Astronauten.
Ist das gefährlich oder unangenehm? Es ist deutlich fordernder als ein normaler Flug. Beim Start und beim Wiedereintritt wirken starke G-Kräfte, dazwischen kann die Schwerelosigkeit Übelkeit verursachen. Sicherheit und die körperliche Belastbarkeit der Passagiere gehören zu den größten offenen Fragen des Konzepts.
Wann kann ich ein Ticket kaufen? Vorerst gar nicht. Earth-to-Earth ist heute ein Zukunftskonzept, kein kommerzielles Angebot. Bevor Menschen so reisen, muss Starship als Raketensystem zuverlässig und sicher werden – und internationale Regeln für solche Flüge müssen erst noch geschaffen werden. Realistisch ist das frühestens im nächsten Jahrzehnt.
Fazit
Die Vorstellung, in einer knappen halben Stunde von Berlin nach New York zu reisen, sprengt unser gewohntes Verständnis von Entfernung. Technisch beruht sie auf einer verblüffend einfachen Idee: Wenn der schnellste Weg zwischen zwei Punkten der Erde über den Rand des Weltraums führt, dann macht man genau das. SpaceX hat mit dem Starship das Fahrzeug dafür entworfen, und die versprochenen Reisezeiten – 28 Minuten nach New York, 51 Minuten von Sydney nach London – sind atemberaubend.
Zugleich ist Nüchternheit geboten. Kosten, G-Kräfte, Lärm, Sicherheit und ein fehlender Rechtsrahmen trennen die Vision noch von der Wirklichkeit. Die näheren Verwandten aus der Hyperschall-Welt wie Venus Aerospace und Hermeus könnten den ersten, sanfteren Schritt gehen. Doch die Richtung ist klar: Die Welt wird kleiner. Und vielleicht steigen unsere Kinder eines Tages so selbstverständlich in eine Rakete nach New York, wie wir heute in den Flieger nach Mallorca.